22.11.2004
Reproduktionsmediziner beklagen Folgen der Reform
Seit Januar müssen Paare Kosten einer künstlichen Befruchtung zurHälfte tragen / "Gesundheitsreform verhindert 10 000 Geburten im Jahr"
HANNOVER (cben). "Die Zahl der Geburten ist im vergangenen Jahr um zehn
Prozent zurückgegangen. Und die Folgen der Gesundheitsreform werden
diese Marke noch höher treiben", glaubt Georg Wilke, Vorsitzender der
Arbeitsgemeinschaft Reproduktionsmedizinischer Zentren Niedersachsen
und Bremen e.V. beim 5. Symposion der deutschen In-Vitro-Fertilisations
(IVF)-Zentren in Hannover.
Denn nach dem Gesundheitssystem-Modernisierungs-Gesetz müssen die
ungewollt kinderlosen Paare seit Januar 50 Prozent der Kosten einer
künstlichen Befruchtung selber zahlen. Die Forderung der Mediziner:
Wenn die Politik mehr Kinder in Deutschland haben will, dann müsse sie
für ungewollt kinderlose Paare bezahlbare künstliche Befruchtungen
ermöglichen.
"1500 Euro kostet eine Einzelbehandlung und damit zu viel für große
Bevölkerungsgruppen", kritisiert Wilke, "zudem werden durchschnittlich
drei Behandlungen benötigt." Durch diese finanzielle Belastung würden
im Jahr bundesweit rund 10 000 Geburten verhindert, etwa so viele wie
München in einem Jahr hat. Wolfgang Würfel vom Kinderwunsch Centrum
München-Pasing verweist auf die Bedeutung der Reproduktionsmedizin für
die Bevölkerungsstruktur. Bei 50 000 Geburten jährlich habe die
Reproduktionsmedizin mitgewirkt. Die Politik ignoriere das.
Entschließt sich ein Paar dennoch zur künstlichen Befruchtung, will es
die Kosten niedrig halten. Die Frau läßt sich eher drei Embryonen
einpflanzen, um eine weitere Behandlung zu sparen. Die Folge: Mehr
Mehrlingsschwangerschaften, mehr Komplikationen und höhere Kosten für
das Gesundheitssystem.
Die Behandlungszyklen bei gesetzlich versicherten Frauen seien in
diesem Jahr um 50 Prozent zurückgegangen, so Klaus Fiedler vom
Kinderwunsch Zentrum München. Die 50prozentige Zuzahlung bei der
künstlichen Befruchtung sei unhaltbar, sagte Wilke.
Eine Lösung sieht der Reproduktionsmediziner in dem österreichischen
Modell. Dort werden die Kosten der künstlichen Befruchtungen
gedrittelt: Ein Drittel zahlen die Patienten, ein Drittel die
Krankenkassen und ein Drittel wird aus einem Fonds aus Steuermitteln
bezahlt.
